Als Biologielehrer komme ich natürlich immer wieder zu der Frage:
Wie kann ich Kinder und Jugendliche für die Natur interessieren resp. begeistern.
Über die Vermittlung von Schulwissen durch das übliche Lernen funktioniert dieses nicht, der Effekt ist dabei eher noch gegenläufig. Also führt der Weg über das Tun der Schüler/innen.

Im Jahr 2002 bekam ich die Genehmigung, im Unterrichtsraum meiner drei Wahlpflichtkurse Biologie ein Aquarium aufzustellen, einzufahren und mit denen zu pflegen.
Der Lern- und Begreifeffekt war erstaunlich.
Im Folgenden soll versucht werden, die Entwicklung des Aquariums und der damit verbundenen Lernfortschritte als ständig zu überarbeitendes Protokoll darzustellen.

Einfahren eines Schulaquariums


10.01.2002
(Schülerprotokoll von Benjamin Miller, 8. Jahrgang)

Wir haben ein Aquarium mit den Maßen 1 m x 50 cm x 50 cm gekauft. Als zweiten Schritt haben wir eine Filtermatte eingesetzt. Die Filtermatte ist 50 cm x 48 cm groß. Der Sinn der Filtermatte ist, dass sich kleine Kolonien von Bakterien in ihr bilden und das schädliche Nitrit (NO2) von den Fischen fressen und Nitrat (NO3) ausscheiden, denn die Bakterien sind in der Lage Nitrit in Nitrat umzuwandeln.
Wir benutzen eine Strömungspumpe, die das Wasser 2 mal in der Stunde durch diese Matte filtert und oben wieder über die Matte zurück in das Aquarium leitet.


Unsere ersten Messergebnisse der Wasserwerte:
Temperatur
16° C
pH
7,5
gH
20° d
kH
10° d
NO2
0
NO3
0
O2
8 %

16.01.2002

Heute haben wir die ersten Pflanzen ins Aquarium getan: eine Riesenvallisnerie und eine Schwimmpflanze die wir noch nicht bestimmen konnten.
17.01.2002
Die Pflanzen, die Hr. Dreymann (unser Lehrer) mitgebracht hatte, kamen aus einem anderem Aquarium, wo völlig andere Lichtverhältnisse herrschten. Das kann zur Folge haben, dass die Pflanzen hier erst mal gar nicht wachsen oder sogar absterben. Wenn sie sich an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt haben, entwickeln sie schnell neue Triebe.
22.01.2002
Wir haben heute eine Deckscheibe auf das Aquarium gelegt. Das hat folgende Vorteile: Die Fische können nicht mehr aus dem Aquarium herausspringen. Kein Fremdkörper kann mehr ins Wasser gelangen. Es verdunstet nicht mehr soviel Wasser wie vorher.

Osmose: Ist das Bestreben z.B. einer Pflanze, den Konzentrationsgehalt zwischen Salz und Wasser auszugleichen. Bei Lebewesen passiert dieses oft durch die Zellwände ( Semipermeable Membran ).

30.01.2002
Das Wasser hat sich etwas verändert: Die Wasserfarbe ist gelblich getrübt. Der Wasserstand ist um 3 cm gesunken Die Riesenvallisnerie stirbt langsam ab. Auf den Wurzeln im Aquarium sind kleine Schimmelpilze (Inseln) entstanden. Zwei Futtertabletten liegen auf dem Boden (für die Bakterien). Die Wassertemperatur beträgt 21°C.
07.02.2002
Messungen: No2: 0,025 No3: 0
Wasserwechsel: Wenn man das Wasser direkt von der Leitung nimmt, kann es bei Fischen zur sogenannten Taucherkrankheit kommen, an der sie sterben könnten. Man muss deshalb bei größerem Wasserwechsel vor das Schlauchende eine Brause setzen, um eine feine Verteilung von Wassertropfen zu erreichen, somit können kaum Gase ins Wasser gelangen.
Abfallendes Laub: Das Laub ist dazu gut, dass sich kleine Larven darunter entwickeln können. Denn ohne das Laub würden sie von anderen Lebewesen gefressen werden und so bietet das Laub den Larven Schutz.
14.02.2002
Die Pflanzen sterben langsam ab und die Filtermatte ist leicht bräunlich gefärbt. Das Wasser trübt sich dunkel. Die Futtertabletten von Hr. Dreymann schimmeln langsam vor sich hin. Immer mehr Pilze verbreiten sich auf den Wurzeln. Der ockerfarbige Belag sind Kieselalgen Navicula radiosa – Weberschiffchen (Kieselalge) 19.02.2002
Heute haben wir eine neue Schwimmpflanze bekommen hierbei handelt es sich um den Südamerikanischen Froschbiss (Limnobium laevigatum) deren lange, feinst verzweigte Wurzeln nirgendwo verankert sind. Die Pflanze dient mit ihren Blättern der Abschattung und somit als Versteck, als Platz zum Schaumnest bau, als Rückzugsgebiet für die Brut und ihre langen Wurzeln entziehen dem Wasser Schadstoffe.
26.02.2002
Hr. Dreymann hat uns heute ein paar Turmdeckelschnecken und ein paar Apfelschnecken ins Aquarium hineingesetzt. Sie sollen den Boden reinigen und die restlichen Algen auffressen. Aber wahrscheinlich werden wir die Apfelschnecken nicht behalten, denn wir haben vor als Fische Macropodus opercularis zu nehmen. Und es ist ja bekannt, dass der Fisch lange Fühler frisst und da wären die Apfelschnecken für ihn das gefundene Fressen. Die unbekannte Pflanze welche am Anfang erwähnt wurde ist ein Brasilianischer Wassernabel
05.03.2002
Heute wurde zum ersten mal der Algenbelag von der Frontscheiben beseitigt. Dazu benutzten wir (Benjamin Miller ein professioneller Gehilfe) einen Schaber mit scharfen Metall. Im Handel gibt es sogenannte Magnetschaber, wobei der äußere Magnet außerhalb der Aquariumsscheibe bewegt wird und damit der innere Magnet die Algen wegschabt. Nachteil: Wenn auch nur das kleinste Sandkörnchen zwischen Magnet und Scheibe gerät, zerkratzt man das Glas.
07.03.2002
Wir haben heute die ersten Fische eingewöhnt: Hr. Dreymann hat 3 Endlers Guppies mitgebracht. Man musste sie als erstes in ein sehr großes Glas packen. Dann haben wir einen kleinen Schlauch aus Silikon im Aquarium eingeklemmt ( an der Glasscheibe oben ) nach etwa 45 min. haben wir sie ins Aquarium reingeschüttet. Dann haben wir an die Pumpe einen Diffusor angesetzt der bewirkt, dass das Wasser 6 mal Schneller gereinigt wird und das mehr Sauerstoff ins Wasser kommt. So ein Diffusor kann man sich im Laden kaufen.

09.04.2002
Es gibt vier Veränderungen nach den Ferien (ca. 3 Wochen) im Aquarium:
-Die Guppies haben sich vermehrt es sind ca. 20 geworden.
-Der Krebs geht jetzt auf Wanderschaft er klettert hinter die Schaumstoffmatte.
-Die Pflanzen lösen sich langsam auf, so ist das Wasser natürlich dreckiger geworden.
-Der Algenenwuchs ist stärker geworden, sodass das Fenster zur Wilhelmstraße fast zugewachsen ist.
16.04.2002
Heute haben wir das Wasser mal wieder gemessen das sind die Ergebnisse:
Temperatur: 19,5°C PH: 7 GH: 15 KH: 8 Nitrit: 0 Nitrat: 0
Wir haben das Wasser zu 50% gewechselt. Eine Person aus dem anderen Kurs hat die Scheibe sauber gemacht. Wir haben entdeckt, dass noch eine Turmdeckelschnecke überlebt hat. Nach dem Wasserwechsel wurde festgestellt, dass der PH-Wert von 8 auf 7 zurückgegangen ist.
24.04.2002
Der Krebs (Orconectes limosus , Amerikanischer Flusskrebs) ist nach wie vor am Leben. Wenn man ein paar Futtertabletten ins Aquarium wirft, dann schießt er in dem Moment, in dem die Tablette den Boden berührt, aus seinem Versteck hervor, um sich einen großen Anteil der Beute zu sichern. Der Guppynachwuchs ist inzwischen 14 Tage alt, sie sind alle wohlgenährt.
Ein Guppy hat eine verkrümmte Wirbelsäule, er verhält sich aber sonst normal. Geschlechtsunterschiede sind noch nicht zu erkennen (wir warten auf die Entwicklung der Gonopodien).
30.04.2002
Wieder einmal sind bei uns alle Scheiben voller Algen gewesen, so hat diesemal der Kurs 8.1 die Scheiben sauber gemacht. Bei der Riesenvallisnerie scheint es so, als ob sie weiter wachsen würde. Der Javafarn sieht fast völlig zerfressen aus. Das ist merkwürdig, da er eigentlich als giftig gilt. Als mutmaßlichen Täter verdächtigen wir erst mal den Krebs. Bei den Guppies bildet sich die Geschlechts- reife heraus ( Männchen bilden langsam ein Gonopodium ) – Männchen und Weibchen müssen möglichst schnellstens getrennt werden. PH: 8,5
02.05.2002
Der Krebs hat seine neue Höhle angenommen. Da die Guppies geschlechtsreif sind haben wir sie jetzt getrennt. Die 9 verbliebenen Männchen schwimmen nun oft im Schwarm.
Zur Algen – und Restebeseitigung sind jetzt 2 Apfelschnecken dazu gekommen ( Pomacea bridgesi ) wo bei wir nicht genau wissen, ob sie mit der Wassertemperatur klar kommen
07.05.2002
Die Apfelschnecken wurden verschenkt, weil sie mit unseren Wasserwerten wohl doch nicht zurecht kamen ( PH wert oder Temperatur ).
Lymnaea stagnalis - die einheimische Spitzschlammschnecke soll jetzt deren Aufgabe übernehmen, eine Schülerin hat sie heimlich aus der Großen Kuhlake mitgebracht.
Die Guppies sind kräftig geworden, sie kommen von der Färbung her alle nach ihrem Vater.
14.05.2002
Wir haben heute wieder mal ein Wasserwechsel gemacht und alle Scheiben gesäubert. Der Krebs hatte sich zum zweiten mal gehäutet, anscheinend fühlt er sich ganz wohl. Er wurde ständig mit Tabletten gefüttert. Wir haben eine große Menge Grünalgen, die sich pestartig ausbreiten

Vorläufiges Protokoll

Geschrieben von: Benjamin Miller

Ergänzung im Sommer 2002:
Die Blaualgen"pest" hat deutlich zugenommen.
Da der Raum 13, in dem das Aquarium am Fenster steht, in den Sommerferien technisch erneuert werden soll, muss das Aquarium vorübergehend ausgelagert werden und kommt in einen Innenraum, der nicht viel Licht abbekommt.
Die Ferienfütterfrage ist mit dem Hausmeister geklärt.

Nach fünf Wochen ergibt sich folgendes Bild, das man beim Betreten des Raumes sofort bemerkt:
Alle Blaualgen sind verschwunden, die Riesenvallisnerien haben sich erholt und sind deutlich gewachsen und die Antennenwelse haben Nachwuchs produziert.

6.1.2003
Nach einem Jahr ergibt sich folgendes Bild:
Das Aquarium funktioniert im biologischen Gleichgewicht; die Pflanzen wachsen zufriedenstellend (inzwischen wurden noch eine Lampe und eine Heizung installiert). Es sammeln sich immer noch vor und nach dem jeweiligen Unterricht viele Neugierige vor dem Aquarium und immer wieder (im Schnitt zweimal die Woche) kommen Schülerinnen und Schüler mit einem Gurkenglas in der Hand, um sich vom Welsnachwuchs ein paar Exemplare herauszufischen, die dann in das Heimaquarium der jeweiligen Kinder umsiedeln.

Um die Attraktivität des Aquariums noch deutlich zu erhöhen sollten nun vielleicht ein paar auffällige "Freischwimmer" dazugesetzt werden. Ich denke an meine Makropoden (Macropodus opercularis), wobei ich mir bei denen nicht so sicher bin, was ihre Verträglichkeit für die Welse angeht - vielleicht sollte ich das einfach mal probieren.....

Gedanken zum Aquarianernachwuchs:

Tun wir eigentlich genug für unseren Aquarianernachwuchs? Tun wir überhaupt etwas? Es gibt wenig aktive junge Aquarianer/innen in den Vereinen und Fachgruppen. Schwindet das Interesse an der Aquaristik. Nach der letzten Mitgliederbefragung sieht es fast so aus: Vereine sind etwas für die Alten.

Kinder scheinen sich aber nach wie vor für Tiere zu interessieren. Zumindest kann man oft welche in Begleitung ihrer Eltern sehen, wenn sie ihre Nasen in Höhe der unteren Aquarienreihen in Zoohandlungen an die Frontscheiben drücken und Laute des Entzückens von sich geben. Sie würden wohl nach dem Buntheitsgrad auswählen wenn man ihre zeigenden Fingerchen richtig deutet. Auch bei den größeren, die schon alleine in die Zoogeschäfte gehen, geht es wohl um Gucken-Kaufen-Mitnehmen und hoffen, dass der Fische zuhause auch überlebt.

Gerhard Ott hat sich in der VDA-Aktuell 2/04 über die unbelehrbaren Nemo-Fans, die sich nicht sachkundig machen, bevor sie einen Fisch zu Tode "pflegen", beklagt - verständlich, werden viele sagen, aber können wir diese Haltung den Kindern wirklich vorwerfen, oder den Eltern, die sie nicht richtig erzogen haben, oder den Schulen, den Massenmedien usw. usw.? Es scheint mir nicht so einfach zu sein.
Bestimmte Dinge lernen Kinder heute nicht mehr, oder jedenfalls kaum noch: Als Kinder in der Nachkriegszeit mussten wir damals lernen, auf kurzfristige Bedürfnisbefriedigung zu verzichten - es gab wenig und wenn, dann mussten wir darauf oft längere Zeit warten. Das hatte aber auch (wie ich heute weiß) immense Vorteile - wir haben gelernt, aufzuschieben, was für die meisten Lernprozesse unabdingbar ist. Wenn ich z.B. Gitarrespielen lernen will ist die Zeit der ersten Wochen und Monate eine frustrierende, weil alles ziemlich schlecht klingt und ständig die Finger schmerzen usw. Wenn man nun nicht von klein auf gelernt hat, auf kurzfristige Bedürfnisbefriedigung zu verzichten, wird man wahrscheinlich die Gitarre bald in die Ecke stellen - oder die Fische aus dem nicht "funktionierenden" Aquarium zu Tode gepflegt haben (um wieder zu unserem Thema zurückzukommen).

Dieses Erziehungs- oder Erfahrungsdefizit ist leider auch so nachhaltig, dass das Lesen eines Aquarienbuches keine Verbesserung des oben beklagten Status quo bringen würde. Kinder und Jugendliche wollen heute meistens Ergebnisse, Erfolge, Belohnungen umgehend hier und jetzt.

Meinen damaligen Weg zu den Aquarienfischen verdanke ich aber noch einem anderen Umstand - ich konnte (und durfte!) an die Teiche und Bäche, um Frösche zu fangen und Froschlaich mitzunehmen. So war es mir möglich, zuhause zu erleben, wie daraus Kaulquappen schlüpften, die ich dann fütterte, bis sie Hinterbeinchen bekamen usw. - ich kam aus dem Staunen oft nicht heraus und beschäftigte mich langsam immer mehr mit dieser Materie.
Kinder heute können dieses kaum noch wegen der mangelnden Anzahl von Feuchtgebieten und weil es außerdem auch verboten ist.
Es ist aber bei den meisten Lernprozessen immer noch so, dass Belehrungen gegen Erfahrungen nicht ankommen - ein Teufelskreis also?

Im Alter von sieben bis sechzehn sind unsere Kinder schulpflichtig. Lernen heißt für sie u.a. Lesen, Schreiben, Rechnen lernen und Erfahrungen machen, damit sie spätestens nach Verlassen der Schule imstande sind, ihr Leben zu meistern. Der Trend nach PISA zur Verbesserung der Bildungssituation bei uns geht u.a. in Richtung auf mehr Ganztags-Gesamtschulen - ich bin auch an so einer Schule, als Lehrer mit aquaristischer Kindheitserfahrung. Die Kinder sind zehn Stunden am Tag an unserer Schule, und wenn ich acht Stunden Schlaf und sechs Stunden sonstige Zeit von ihrem Tag abziehe, dann sind sie die meiste zusammenhängende Zeit bei uns Lehrern und Lehrerinnen. An solchen Ganztagsschulen gibt es natürlich nicht zehn Stunden hintereinander Unterricht - es gibt Freizeitstunden und Essensstunden und viele freiwillige Arbeitsgemeinschaften an den Nachmittagen, z.B. Mofa-AG, Fußball-AG und - richtig: Eine Aquaristik-AG "McFish".

Diese AG läuft jetzt seit über einem Jahr und ich staune über das Interesse und die freiwillige Mitarbeit von zwanzig Schülerinnen und Schülern aus allen Jahrgängen.
Das Lernen über Aquaristik funktioniert dabei anders als im klassischen Unterricht:
Als Biologielehrer war ich mal mit zwei Klassen zur Walduntersuchung im Wald und die Gruppe "Bodenproben" z.B. wunderte sich, wieso sie - zusätzlich zu ihren benötigten Proben - mehrere Säcke mit dem hellem Sand der dritten Schicht einer Kiefernmonokultur vollschaufeln und in den Kofferraum meines Pkw laden mussten. Andere Gruppen warfen sich vermutlich vielsagende Blicke zu, weil sie zusätzlich zur Pflanzenbestandsaufnahme im Mischwald mehrere Säcke voller Herbstlaub und größere Stücke Totholz mitnehmen sollten. Die Neugier hielt auch in der Schule noch an, als ich einen Mattenfilter an der Stirnseite des ersten Aquariums einrichtete. Nun haben wir - trotz reichhaltiger Ausstattung - für die AGs keine Extraräume, was bedeutet, dass sich die Aquarien in einem Unterrichtsraum befinden und also auch von allen, die dort Unterricht haben, gesehen werden.
Wenn ich den Raum aufschließe rennen alle erst mal zu den Aquarien um zu sehen, ob sich etwas verändert hat oder um überhaupt kurzzeitig in diese Welt abzutauchen (und da macht es keinen Unterschied, ob sie 13 oder 16 Jahre alt sind). Wenn zwischendurch - im Unterricht - mal eine Ruhezeit entsteht (Ende einer schriftlichen Arbeit, ein paar Schüler sind schon fertig usw.) - frage ich z.B. schon mal, ob jemand Lust hat, die Fische zu füttern o.ä. Dabei gibt es immer wieder Fragen zu den Aquarien und deren Bewohnern - wir schweifen im Unterricht immer wieder mal ab, wenn wir es uns leisten können.
Die Kinder haben sich anfangs natürlich gewundert, wieso die Aquarien zwei Monate lang unbewohnt waren und nur die Luftheber oberhalb der Matten vor sich hin plätscherten, wieso wir das Herbstlaub in die Aquarien gekippt haben und das Totholz ebenso. Aber das haben sie inzwischen begriffen und sie können einiges erzählen über Wasserwerte, Bakterien, und das Eingewöhnen von Fischen und vieles mehr.
Auch die Kollegen und Kolleginnen zeigen sich früher oder später interessiert und kommen die AG besuchen - eine Kollegin brachte neulich heimlich Froschlaich aus ihrem Gartenteich mit und die Kinder können nun doch noch die Metamorphose bewundern. Klar haben sie dann in der AG doch mal einiges gelesen - ich hatte einen Stapel Fachzeitschriften dabei - und wir waren in einem großen Aquaristikladen, damit sie sich mal ihre Lieblingsfische aussuchen konnten. Das bedeutete dann Aussuchen, Nachlesen der Bedürfnisse dieses speziellen Fisches, mich fragen.
Inzwischen haben wir übrigens zwölf Aquarien, von denen wir alle bis auf das erste geschenkt bekommen haben - entweder von Eltern oder KollegInnen, die irgendwo ein unbenutztes Aquarium im Keller hatten, oder von einer anderen Schule, an der sich niemand mehr darum kümmerte.
Die ältesten Aquarien haben wir dann in der AG mit Aquariensilikon abgedichtet und der Werkstattmeister Arbeitslehre fertigte uns die Deckscheiben aus alten, nicht mehr benutzten Glastüren an.
Die Fütterung und die Fischkäufe finanzieren wir durch einen Monatsbeitrag von einem Euro pro AG-Mitglied und die Ferienfütterung übernimmt der Hausmeister, der sich inzwischen auch für die Aquarien interessiert.
Alle Aquarien laufen mit Sand (aus der Kiefernmonokultur) und Mattenfiltern mit Lufthebern und nur drei von ihnen sind bisher mit Fischen besetzt. Die Kinder haben also inzwischen gelernt zu warten und ich weiß, dass einige auch langsam zuhause ihre Aquarien einrichten, und ich bin mir sicher, dass keiner von ihnen ein soeben eingerichtetes Aquarium mit Fischen besetzen würde.

Schulen werden zukünftig - anders als bisher - relativ autonome Wirtschaftseinheiten sein, die sich am "Markt" behaupten und dazu ein individuelles Profil vorweisen müssen, das sie von anderen Schulen unterscheidet, wenn sie denn den Wettbewerb um die Gunst der Eltern ihrer zukünftigen Schüler und Schülerinnen gewinnen wollen.
Wenn Sie wollen, dass es wieder mehr an Aquaristik interessierte Kinder und Jugendliche gibt, die keinen Fisch zu Tode "pflegen", dann stellen Sie den möglichen zukünftigen Schulen Ihrer Kinder die Frage, ob Ihr Nachwuchs an dieser Schule Erfahrungen mit der belebten Umwelt machen kann und meiden Sie Schulen, die den Eindruck bei Ihnen hinterlassen, dass dort überwiegend doziert wird und soziale und kommunikative Kompetenzen fehlen.
(Die Länder, die in der PISA-Studie ganz oben stehen, haben solche Schulen nämlich kaum noch). Wenn Sie schon Eltern eines Schulkindes sind, fragen Sie nach in der Fachkonferenz Naturwissenschaften oder an anderer Stelle oder geben Sie diesen Beitrag hier als Beispiel weiter.

Und schimpfen Sie nicht mehr so viel, wenn Sie finden, dass die Jugend von heute nicht mehr ausreichend informiert wird, weil Sie nämlich damit am wirklichen Thema vorbeischimpfen: Informationen (also Wissen) haben die Menschen heutzutage mehr als in allen Jahrhunderten davor - wir wissen z.B. dass Abgase und FCKW usw. unserer Umwelt immensen Schaden zufügen. Aber unsere Welt wird vielleicht eines Tages daran zugrunde gehen obwohl es alle "immer schon gewusst haben". Vor den Erwerb von Informationen muss nämlich erst mal ein Interesse geweckt werden und die Kinder müssen ihre Erfahrungen damit machen können - der Rest kommt dann fast von selbst!

Klaus Dreymann, Berlin, 2004