Metamorphosen
© by K.Dreymann

Während ich diese Zeilen schreibe, sehe ich über meinem Schreibtisch das Foto von meiner Einschulung mit kurzen Hosen sitzend, Hosenträger mit Hirsch in der Mitte und Zuckertüte vor mir quer in den Armen und finde, dass ein Vergleich meines damaligen Gesichts mit dem biometrischen Passbild neulich zur Erneuerung meines Personalausweises Gefühle von einer durchlebten Metamorphose hervorruft.

Die Entwicklung in einer vollständigen Metamorphose geht normalerweise vom Ei über die Larve und die Puppe zur Imago - dem fertigen Lebewesen.

Das interessante an diesen Verwandlungen sind für mich die doch manchmal sehr unterschiedlichen Aussehensweisen im Vergleich Larve-Imago und die manchmal sehr unterschiedlichen Lebensräume beider Entwicklungsstufen.

Als Kinder haben wir damals mit staunenden Gesichtern unsere ersten Erfahrungen mit Metamorphosen gemacht, indem wir Kaulquappen gefangen und ihre Umwandlung zum fertigen Frosch an der Aquariumscheibe (oder vor Omas großem Gurkenglas) begleitet haben.

Wenn die Kaulquappen Glück gehabt haben, weil wir öfter mal gefüttert und Wasserwechsel gemacht haben, dann haben sie nach einer gewissen Zeit Vorderbeinchen und später Hinterbeinchen bekommen und konnten damit auf schwimmende Holzstückchen oder an Land krabbeln. Erst dann sahen sie auch wie ein Frosch aus - wie ein kleiner, der auch noch wächst, anders als bei den Insekten.

Bei den höheren Wirbeltieren bis hin zu den Primaten sind diese Entwicklungsstufen oft nicht mehr zu sehen, weil sie sich vor der Geburt abspielen. Das befruchtete Ei - die Zygote - teilt sich mehrfach, um sich dann in eine Gebärmutterschleimhaut einzunisten, wo dieser Zellhaufen über ein Embryonalstadium zum Fetus und dann zum "kompletten" Lebewesen entwickelt geboren wird.

Je nach Entwicklungsstufe der Art ist das Neugeborene wirklich praktisch "fertig"
- Beispiel: Neugeborenes Gnu, das nur wenige Minuten Zeit zur Verfügung hat, um dann schnell der Mutter/Herde auf der Flucht folgen zu können
- oder es wird achtzehn Jahre lang großgezogen, bis es endlich denkt fertig zu sein, Beispiel: Mensch.

Ich weiß ja nicht, ob eine Libelle irgendwelche Erinnerungen an ihr räuberisches Leben unter Wasser während ihres früheren Daseins hat. Vermutlich ist Erinnerung in ihrem Fall als unnützes Beiwerk des Gesamtorganismus' und seiner überlebensnotwendigen Funktionalitäten eher störend und daher während der Libellenevolution herausselektiert worden.

Ich hingegen habe wohl mehr ein inneres Bild von mir, das mit dem realen Aussehen wenig zu tun hat, obwohl ich natürlich weiß, dass ich wirklich ich selbst auf allen Fotos von mir aus allen Jahrzehnten bin.

Mein Freund Olaf beispielsweise, der nur drei Jahre älter ist als ich, hat sich in meiner Erinnerung äußerlich praktisch nicht verändert - über vier Jahrzehnte nicht! - gut, kleine Falten hier, vielleicht hellere Haare dort, mal Oberlippenbärtchen, mal nicht, aber das Gesicht hat sich im Wesentlichen nicht verändert.

Wie ist das möglich?

Bei Klassentreffen fällt mir das auch immer wieder auf - es sind immer ein paar Schüler oder Schülerinnen darunter, die ich sofort wiedererkenne, auch nach dreißig Jahren noch, sie haben praktisch keine entscheidende Metamorphose durchgemacht, bis auf marginale Altersmerkmale.
Dann gibt es immer wieder welche, von denen ich erstmal annehme, dass sie mitgebrachte Ehepartner und nicht Ehemalige sind, wobei sich dann aber zu meiner großen Verwunderung schnell herausstellt, dass auch sie in meiner damaligen Klasse gewesen sind!

Gesichter hatten und haben für mich immer noch den größten Wiedererkennungsfaktor von allen Merkmalen bei Menschen. Gesichter waren bisher immer das erste Merkmal einer Individualität. Folgerichtig habe ich die wenigen eineiigen Zwillinge, die ich im Leben unterrichtet habe, eigentlich nie unterscheiden können, da halfen auch keine unterschiedliche Kleidung oder verschiedene Frisuren.

Wieso gibt es dann Gesichter, die sich im Laufe eines Lebens praktisch metamorphös verändern und trifft es zu, dass man in Gesichtern Vorkommnisse und Abläufe des Lebens seiner Inhaber teilweise ablesen kann?

Die höher entwickelten Lebewesen des Stammes der Wirbeltiere - hauptsächlich die Primaten, so sagt man, sind imstande Gesichter mitsamt ihrer Mimik wiederzuerkennen und zu deuten. Je mehr individuelle Merkmale in den Gesichtern vorhanden sind, desto geringer wird die Wahrscheinlichkeit einer Verwechselung, eines Nichtwiedererkennens. Das spielte bisher eine wichtige Rolle in höheren sozialen Gruppierungen wie den Menschen.
Andere Gruppen funktionieren mit anderen Mechanismen als wiedererkennbaren Gesichtern, z.B. über verschiedene Düfte oder Verhaltensweisen. Die "Gesichter" von Heuschrecken oder Bienen sind alle praktisch identisch und ihre Facettenaugen sehen auch nach einem anderen Prinzip.

Inzwischen bemerke ich aber - etwas irritiert - die Tendenz des Aufhebens individueller Merkmale bei Menschen, ja die Aufhebung individueller Merkmale generell.

Merkmale in Gesichtern waren z.B. immer auch individuelle Anordnungen der Zähne, wobei ich keine unästhetischen Schiefstände o.ä. meine, sondern nur kleine Nuancen einer Abweichung irgendeines Zahns in seiner Reihe. Dieses wird inzwischen - ich weiß auch nicht, wann und wieso das mal in Mode gekommen ist - mit einer Spange im jugendlichen Alter geradegerückt.

Das heißt für mich inzwischen - wenn ein Jugendlicher den Mund aufmacht und seine Zähne zu sehen sind, dann sieht das fast immer so aus, wie bei allen anderen auch.

Ich habe den begründeten Verdacht, dass das Maßnahmen der overprotection bei der Brutpflege des Menschen sind: Alles von Anfang an gründlich und sicher einzurichten, damit die gesunde Überlebenswahrscheinlichkeit der Kinder zunimmt. Fatalerweise hat sich diese Maßnahme ja inzwischen höchstwahrscheinlich als falsche herausgestellt: Nach der Reinlichkeitshypothese kann der Körper mangels erforderlichem Kontakt zu diversen Erregern kein funktionierendes Immunsystem aufbauen und beschert den Kindern dadurch die Disposition zum Allergienerwerb und schlimmeren Krankheiten.

In siebenunddreißig Jahren Lehrerdasein wurde ich immer wieder mal gefragt, ob sich die Jugend verändert habe. Eine bestimmte Veränderung gegenüber früheren Schülergenerationen kann ich auf jeden Fall feststellen: Bei Anmeldungen zu Klassenreisen o.ä. habe ich zunehmend eine ziemlich hohe Anzahl von Allergien und nötigen Sonderbehandlungen in Bedarfsfällen in meine Klassenlisten eintragen müssen. Alleine schon wenn ich daran denke, wer von ihnen bestimmte Nahrungsmittel oder Bestandteile von Nahrungsmitteln auf keinen Fall zu sich nehmen durfte.

Da ist das obligatorische Tragen einer Zahnspange als Gleichmacherei mit dem Vorwand der Gesundheitsvorsorge für mich nur die Spitze des Eisbergs.

Die Restgesichter, also außerhalb des Mundes, erfahren mittlerweile eine ähnliche Prozedur. Dazu werden nun keine Spangen benutzt, sondern diverse Kosmetika und Schmuckaccesoires (Zubehörteile), die der jeweiligen Mode oder den Gesichtern der Stars entsprechend das vielleicht noch individuelle Gesicht dem Vorbild anpassen, oder zumindest nahebringend verändern sollen.

Ich weiß natürlich noch, dass auch ich damals der Mode entsprechende Veränderungen an mir vorgenommen habe:

Ich glaube, ich habe später nie mehr so besessen in den Spiegel gestarrt, linke Handfläche über den Haaren zwischen linkem Ohr und linkem Auge, rechte Hand geknickt mit Kamm von rechts über den Kopf, Kamm durch die Haare links unter der Handfläche durch bis nach hinten, Kamm zur Stirn - Welle - dann Kamm an der rechten Kopfseite (natürlich unter der Fläche der linken Hand, die jetzt von oben kam) bis nach hinten und dann der Strich hinten Mitte nach unten: die Ente.

Das veränderte uns gemäß der Rock'n'Roll-Welt, wie sich das gehörte. Die Gesichter veränderte das aber nicht.

Ich will auch nicht über die Veränderungen der Gesichter von heute schimpfen, wie das unsere Eltern damals wegen unserer Frisuren und unseres Verhaltens gemacht haben, oder wie das Elterngenerationen immer schon seit den "alten" Griechen über den Verfall des Niveaus ihrer Kinder getan haben, ich bin nur irritiert und enttäuscht über die Gleichmacherei, die Einebnungen, das Plattmachen der Individualität - ich finde nun mal eine Wiese interessanter als einen Rasen!

Aus meiner Welt heraus betrachtet sieht es inzwischen vielfach so aus, als sei das Tragen eines eigenen Gesichts nicht mehr zeitgemäß.
Neulich habe ich auf dem Titelbild einer Fernsehzeitung die Portraits dreier Sportlerinnen abgebildet gesehen, dreier Sportlerinnen, die nicht miteinander verwandt sind und die auch drei völlig unterschiedliche Sportarten betreiben - die Maskenbildnerei hat sie für die Fotos so hergerichtet, dass sie wirklich ziemlich gleich aussahen. Offenbar ist das inzwischen der Trend! Sie hatten alle irgendwie kein Gesicht, also sagen wir mal da waren drei Masken zu sehen, die einer Serie entstammten. Wie das "Gesicht" eines bekannten It-Girls! (Wobei ich in ihrem Fall gerne annehmen möchte, dass dieses Gesicht das Innenleben seiner Inhaberhin widerspiegelt!). Nichtssagende Gesichter. Passantinnen sozusagen, an die sich keiner nach dem Vorübergehen mehr erinnern würde...

Ich weiß nicht, ob so eine Gleichmacherei nicht irgendwann negative Auswirkungen haben könnte - also allgemein, unabhängig von meinem individuellen Geschmack. In der Automobilbranche sehe ich ja schon seit längerem Tendenzen in dieser Richtung.

Damals konnte man schon von weitem erkennen, welches Auto sich näherte. Man erkannte an seiner ganz persönlichen Karosserie einen Opel Kapitän oder einen Ford "Badewanne" oder selbstverständlich einen VW "Käfer".
Das hat sich inzwischen geändert und ich kann mir schon vorstellen, warum die Umsätze bei einigen unser (ehemals) berühmten Autofirmen zurückgehen: die Wagen sind im täglichen Straßenverkehr nicht mehr in der Masse der PKWs auszumachen. Gleichmacherei allerorten - erzählen Sie mir jetzt nichts von strömungsgünstigen Karosserieformen nach dem Windkanal! Es gibt drei/vier deutsche Automobilfirmen, die haben sich Individualität bewahrt und klagen nicht über Umsatzeinbußen und Entlassungen!

Die Kultusministerkonferenz, eine Institution, die die Verantwortung dafür hat, dass wir unseren Kindern das gesamte kulturelle Erbgut der Menschheit nachhaltig hinterlassen, hat durch die Rechtschreibreform leider auch die Gleichmacherei vorangetrieben.
Ich dachte bisher immer, dass die Sprache einer jeden Bevölkerung eine oder mehrere Wurzeln ihrer Entstehung haben müsste, anhand derer man die Entwicklung und Bedeutung eben dieser Sprache und ihrer Wörter und Worte herleiten und verstehen können müsste. Inzwischen gibt es aber leider Wörter, bei denen es egal ist, wie man sie schreibt!

Man könnte heutzutage meinen, dass ein Albtraum etwas mit den Alpen zu tun haben müsste und was der Namensgeber des Restaurants Weidmannslust für einen Beruf gehabt haben mag, ist inzwischen vom Wortstamm her nicht mehr herzuleiten.

Ich bin wahrscheinlich inzwischen ein Exot - um nicht schlimmere Bezeichnungen zu verwenden - wenn ich mir den allgemeinen (!) Sprachgebrauch mittels der nun auch schon nicht mehr neuen Medien betrachte:
Die Verwendung der Schriftsprache wird geprägt durch ihren Einsatz in schnell zu übermittelten SMS, im Chat, per e-mail oder in Internet-Foren. Da kommt es wohl mehr auf die Geschwindigkeit der Übermittlung an, auf Kosten der Sprachgenauigkeit.

Das erste, das bestimmt zukünftig nur noch selten zu sehen sein wird, ist die Großschreibung der Wörter, die groß geschrieben werden sollten. Das gelegentliche Drücken der Umschalttaste während des Schreibens ist einfach eine unnötige Mehrbelastung geworden, vergleichbar mit dem Wurmfortsatz am Blinddarm. Die Sprachevolution hat sich eben inzwischen in eine an die veränderte Umwelt angepasste Richtung entwickelt.

Ich, als Sprachsaurier sozusagen, habe inzwischen oft genug in Foren zu "hören" bekommen, dass es auf den Inhalt einer Aussage ankäme, nicht auf deren Schreibweise.
Ich bin andererseits dadurch sehr hoffnungsfroh, dass durch dieses Über-einen-Kamm-Scheren unserer Sprache, wenigstens das sogenannte Idioten-Apostroph in Gaby's Imbiss endlich mal für immer verschwinden wird.

Da die Kommunikation im Gegensatz zu früher viel seltener von Angesicht zu Angesicht passiert, müsste irgendwie die dabei dann fehlende Mimik und Gestik durch Schrift simuliert werden, und das wird auch zunehmend versucht durch Smilies und sowas ähnlichem wie die Comic-Sprache unserer Micky Maus- und Donald Duck-Hefte seinerzeit.
Wenn ich dabei mal Großbuchstaben in einem Forum verwende, muss ich mir inzwischen schon mal anhören "Warum schreist du mich an?", wobei das W von Warum natürlich NICHT groß geschrieben eingesetzt wird!

An guten Schulen hat die Integrierung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund längst funktioniert. Sie gleichen auch ihre Sprachen einander an, wobei mehr die jeweilige "ausländische" Sprache an das Deutsch angeglichen wird und in dieser Zwitterform aber auch von den deutschen Schülerinnen und Schülern benutzt wird:
"Gehst du Mensa?" "Hast du Trinken mit?" usw....

Ich glaube, vielfach wissen die Jugendlichen Bescheid über das Falsche in ihrer Umgangssprache, aber diese Verwendung hat sich eben so eingeschliffen in den alltäglichen Sprachgebrauch, ist inzwischen Mode geworden....

Bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass die Anwendung einer reichhaltigen Variationsmenge von Wörtern und Worten etwas mit dem Niveau des Inhalts zu tun hat. Daraus würde resultieren, dass die heutigen Mitteilung zunehmend flach und inhaltsleer sein müssten, aber diese Haltung geht mir schon wieder viel zu sehr in die Richtung "die Jugend von heute!" meiner eigenen Eltern- und Lehrergeneration.

Ich habe schon öfter Schülergruppen beim chatten beobachtet:
Sie sitzen nebeneinander an verschiedenen Computern und chatten miteinander. Wenn sie sich durch eine Drehung um 90° einander zuwenden würden, könnten sie diese Unterhaltung auch, wie vor der Erfindung der PCs, über Sprache führen. Aber das ist eben nicht dasselbe! Mittels Computersprache sagen sie sich Dinge, die sie sich von Angesicht zu Angesicht vermutlich nicht trauen würden. Angedeutete Dinge, so als hätten sie zwischen den Zeilen gesprochen. Es ist nicht zu übersehen, dass ihnen diese Kommunikation Spaß macht!

Wenn ich mir überlege, dass ich damals, um an ein Mädchen heranzukommen, nur die Möglichkeit hatte, in der Disco an sie heranzutreten und zu fragen "Hast du mal Feuer?", dann haben die Jugendlichen es heute möglicherweise leichter.

Die unaufhaltsame Metamorphose der Sprache wird wohl dazu führen, dass die Gleichmacherei die meisten Spitzen begradigt um die Kommunikation schneller und einfacher zu machen. Die Sprachbenutzer der Zukunft werden versuchen, die Phonetik in irgendwelche Buchstabenfolgen (kleingeschrieben) zu pressen, die in etwa mit der Aussprache Ähnlichkeit haben dürften.

Der Beginn eines Satzes eines Schülers fällt mir dabei inzwischen immer sofort ein, er schrieb: wommwamma .... gemeint war damit "Wollen wir mal".

Ich betrachte die Gleichmacherei inzwischen mit Gelassenheit als unaufhaltsame Strömung und nehme für mich das Privileg in Anspruch, als Fossil der Evolution des Homo sapiens diese Tendenz zur Kenntnis zu nehmen, an den Auswirkungen der Langweiligkeit aber nicht teilnehmen zu müssen.

Wenn ich mir jetzt mein Einschulungsfoto erneut betrachte, dann bin ich doch zufrieden, dass ich keine Libelle und kein Frosch bin und mich an meine alten Zeiten zumindest mehr oder weniger gut erinnere..

P.S.
(An die Arbeiter in Rüsselsheim)
Neulich habe ich übrigens wieder mal einen Opel Rekord gesehen und der war inmitten der großen Blechmasse sofort zu erkennen - schon von weitem, auch heute noch!

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