Die Ente
© by K.Dreymann

Neulich ist auf meinem Nachbarbalkon eine Ente gelandet.

Ich stand zufällig am Küchenfenster zum Hof und konnte nur deshalb auch den Anfang der Geschichte beobachten.

Sie stand etwas unsicher mit ihren breiten Schwimmfüßen auf dem dünnen Eisengeländer, schwankte immer ein bisschen vor und zurück und sprang dann mit Hilfe von drei, vier Flügelschlägen hinunter auf den Betonboden.

Eigentlich ist dieser Balkon kein richtiger Balkon, eher ein Verbindungsgang zwischen unserem und dem Nachbarhaus, die im rechten Winkel zueinander stehen; ein Zugang, der vermutlich früher für Dienstboten und Personal angelegt worden ist oder als Fluchtweg zur hinteren Treppe hinunter in den Innenhof. Er sitzt auch nicht wie ein Schwalbennest an der Außenfassade, sondern hinterläßt eher den Eindruck einer quaderförmigen Höhle, die mit ca. anderthalb Metern Tiefe in den Wohnblock eingemeißelt worden ist. Unsere Hinterhofwohnblöcke sehen deshalb nicht wie große Kästen mit gleichmäßig herausgezogenen Schubläden aus, sondern vielmehr wie die Rückseiten eben dieser Kästen, weshalb wohl auch tatsächlich an den gegenüberliegenden Seiten der Häuser zur Straße hin diese Schubläden mit ziemlich genau anderthalb Metern Schwalbennestcharakter und mit Geranien und Sonnenschirm ihre ursprüngliche Funktion erfüllen.
Die Funktion der gegenüberliegenden Hinterhofeinschübe hingegen scheint angesichts fehlender Dienstboten und mangels Personal nicht eindeutig definiert zu sein, zumal eine Außenmauer aus Beton für die Geranienkästen fehlt, dafür aber die dünneren Eisengeländer eine Art Reling gegen den Abgrund des Hofes bilden.
Die Nutzung unterliegt somit vermutlich der freien Interpretation der Anwohner, wobei sich jeweils zwei Küchenfluchttüren einen Einschub mit Eisenreling teilen müssen.
Gesicherte Angaben kann ich zumindest für die Nutzungsvariante im dritten Stockwerk machen; dort befinden sich seit meinem Einzug vor zehn Jahren links hinter dem Eisengeländer ein Wäscheständer und rechts ein Eternit-Blumenkübel mit wechselnder Bepflanzung.

Die Ente interessierte sich für den Blumenkübel und sprang mit flatternder Flügelunterstützung die ca. 80 Zentimeter hoch und über den Rand und landete zwischen den Primeln.
Bis zu diesem Zeitpunkt hielt ich das noch für einen Zufall oder ein Versehen, aber die Ente schien genau zu wissen, was sie dort wollte:
Sie knabberte an den Primelblüten, rupfte ein paar heraus und schaufelte schließlich mit ihrem Schnabel und den Schwimmfüßen die Hälfte der Blumen und zwei, drei Schwimmfüße voll Blumenerde über den Kübelrand. Dann drehte sie sich ein paar Mal in verschiedene Richtungen, zog die Beine ein und knickte dabei langsam nach vorn in die inzwischen ziemlich platt gedrückten Primeln. Das Hinterteil mit schnell hin und her wackelndem Schwanz senkte sich dann auch behutsam und der nun sitzende Entenkörper walzte sich um die Körperachse nach links und nach rechts und wieder zurück, während der Schnabel ein paar Federn hier und da ordnete und die beiden Flügel sorgfältig auf dem Rücken gefaltet wurden - sie räkelte sich offenbar eine Nestmulde zurecht!

Die üblichen Singvogelaktivitäten und deren Brutpflege hatte ich mittlerweile schon oft beobachtet, aber wann hat man schon mal die Gelegenheit, eine Ente vom Küchenfenster aus in drei Meter Entfernung zu erleben. Die Vorstellung, sie könnte dort wirklich Eier legen und brüten habe ich angesichts der für Entenküken unüberwindbaren drei Stockwerke bis zum Betonfußboden unten im Hof schnell wieder verworfen.
Die Evolution kann die normalen Brutpflegeinstinkte von Enten bestimmt nicht inzwischen schon derartig pervertiert haben, dass sie dem Prinzip der Erhaltung der Art nicht mehr genügen! Ein Blick aus dem geöffneten Küchenfenster in den Abgrund beruhigte mich dann auch ziemlich schnell.
Die Ente, übrigens ein Weibchen der Stockente (Anus platyrhynchos), schien meine Aktivitäten am Küchenfenster nicht zu bemerken oder einfach zu ignorieren.
Der Frühsommer versprach einige interessante Abwechselungen, was die sonst eher eintönigen Ausblicke aus meinem Küchenfenster in den Hinterhof betraf...

Die Ente saß fast immer ziemlich reglos da, nur ihre Position veränderte sie häufiger und manchmal hielt sie den Schnabel geöffnet mit leicht angehobener Zunge, um sich etwas Kühlung zu verschaffen. Vom menschlichen Standpunkt aus sah sie dann ziemlich lächerlich aus, aber wir hatten in diesem Jahr einen außergewöhnlich heißen Sommer und sie verhielt sich vermutlich entengemäß in ihrem Sinne.
Ich spekulierte natürlich von Anfang an über die Funktion dieses "Nestes" und hatte mir so meine Erklärungen zurechtgelegt:
Sie stammte sicherlich vom nahen Lietzensee und hatte beim üblichen Flug über die Häuser dieses Versteck im Hinterhof entdeckt, wollte sicherlich nur zwischendurch mal ein geheimes Refugium für eine Pause in Ruhe haben oder sie war den Nachstellungen des Erpels überdrüssig.
Andererseits gehörte nach meinem Verständnis eine Ente vorwiegend in Gewässernähe, mindestens zum Fressen und Trinken und sie schwimmen doch wohl auch die meiste Zeit.
Alle Tage der nächsten Wochen begannen und endeten mit einem Kontrollblick aus meinem Küchenfenster und der zunehmenden Sorge, die Nachbarn könnten ihren Wäscheständer benutzt und dadurch die Ente verscheucht haben.
Nichts dergleichen - die Bewohner der beiden Küchen schienen verreist zu sein.
Eines Nachmittags war das Nest leer - Enttäuschung bei mir, das soll es schon gewesen sein ?
Ich ging in halbstündigen Abständen zum Fenster und betrachtete die unbesetzte Kuhle in dem Eternit-Kübel - nur vertrocknete Primelreste und eine Mulde mit Daunen.
Dann war sie gegen Abend wieder zurück!
Sie saß in gewohnter Haltung da, hatte vielleicht nur ein Bad genommen oder gefressen, ich konnte beruhigt ins Bett gehen.
Die Nachbarn waren wohl doch nicht verreist oder aber sie waren inzwischen wieder zurück, jedenfalls beobachtete ich eines Tages eine vorsichtige Hand links im toten Winkel meines Küchenfensters, die ganz langsam irgendwelche Wäschestücke vom Ständer nahm.
Auf die Nachbarn war also glücklicherweise Verlaß.
Die Ente schien das Nest nur als Ausweichquartier zu benutzen, wenn ich zur Arbeit gefahren war, ist sie vielleicht zum Lietzensee geflogen und hat dort einen ganz normalen Ententag verbracht.
Nachmittags war sie jedenfalls fast immer schon wieder da.
Einmal habe ich nachts mit der Taschenlampe hinübergeleuchtet - sie schlief auch in dem Kübel.

Die Junitage vergingen mit meinen Kontrollblicken morgens und abends und auch zwischendurch aus dem Küchenfenster und die gesamte Situation schien sich überhaupt nicht weiter zu verändern.

Eines Mittags habe ich dann doch einen Schreck bekommen: die Ente hatte kurz ihren Hinterkörper angehoben und ich meinte ein Ei gesehen zu haben!

Aber das ist wohl doch nur eine Halluzination gewesen. Diese wochenlang unveränderte Situation außerhalb meiner Küche hatte die genaue Beobachtung einfach etwas reduziert, es hatte sich lange Zeit gar nichts Bemerkenswertes getan und meine täglichen Betrachtungen beschränkten sich mehr und mehr auf kurze, registrierende Kontrollblicke - ist die Ente zuhause oder ist sie unterwegs?
Da kann es schon mal passieren, dass man sich einbildet im Augenwinkel etwas schimmern zu sehen - vielleicht war es auch nur die Projektion meiner verdrängten Befürchtungen!
Die Ente saß nach wie vor unverändert in der Mulde und auch eigentlich in unveränderter Höhe, ein paar Eier hätten sie bestimmt unübersehbar um einige Zentimeter angehoben.
Ich mußte ein bißchen über mich lachen, mein Seelenfrieden war wieder hergestellt.
Inzwischen hatten auch meine Katzen mitbekommen, dass in der Nähe des Küchenfensters öfter ein größerer Vogel landete und in den folgenden Tagen wurde das Fenster (aus unterschiedlichen Beweggründen vermutlich) immer häufiger zu einem Rahmen von Betrachtungen und Spekulationen, die sich auf einen Blumenkübel mit interessantem Inhalt in drei Metern Entfernung erstreckten.

Die Katastrophe fing dann an einem Nachmittag an.

Meine (inzwischen wieder gewissenhaften) Beobachtungen registrierten eine bis dahin nicht gesehene Nervosität seitens der Ente. Sie verhielt sich so, als würde jemand ihren Bauch kitzeln, sie hob ihren Körper in kurzen Abständen links und rechts und hinten hoch, nur ganz kurz, wie sie es damals am Anfang in umgekehrter Bewegungsrichtung zum Auswalzen der Mulde getan hatte.

Und dann sah ich zwischen ihren seitlichen Bauchfedern einen kleinen Entenschnabel hervordrängeln und gleich danach noch drei weitere!
Schreck, aber auch Stolz, Hilflosigkeit und liebevolle Zuneigung zum Kindchenschema der winzigen Entchen...

Da hatte die Ente es also wirklich geschafft, die Anfänge ihrer Bruttätigkeit vor meinen geübten Biologielehreraugen zu verbergen. Da hätte ich doch sonst irgendwelche Rettungsmaßnahmen mit den noch nicht ausgebrüteten Eiern - oder die Ente mit den Eiern zum Lietzensee tragen... redete ich mir schuldbewußt ein - zu spät!
Und auch meine Katzen wurden inzwischen immer unruhiger (aus unterschiedlichen Beweggründen vermutlich).
Immer wenn ich in der nächsten Stunde die genaue Zahl der Entchen herauszufinden versuchte, hatte ich zwangsläufig im selben Moment die gefährliche Tiefe des Hofabgrundes vor Augen.
Enten sind Nestflüchter, irgendwann würde die Mutter losfliegen und die Kleinen hinter sich herlocken und da sie ja noch flugunfahig sind... ich hatte eine äußerst unruhige, schlaflose Nacht.

Am nächsten Tag fragte ich erstmal unter den Biologen der Schule herum - ohne besonders beruhigende Ergebnisse.
Die Entchen am Nachmittag wurden immer aufmüpfiger - fünf konnte ich mit Sicherheit verbuchen.

Ich stellte mich wohl ziemlich hilflos an, dann kam mir die Idee, beim Zoo anzurufen, es war kurz nach fünf, mindestens die Kasse mußte noch geöffnet haben.
"Guten Tag, ich hätte da mal eine Frage - auf meinem Nachbarbalkon ist eine Ente gelandet und sie hat jetzt Nachwuchs bekommen - das ist aber im dritten Stock, was kann man denn da machen?"
"Aaach das kennen wir schon, das machen sie jetzt immer häufiger - tja tut mir Leid, aber der Pfleger der Wasservögel hat schon Feierabend. Ich kann Ihnen aber die Telefonnummer vom Bund für Vogelschutz geben..."
Ich habe wieder etwas Hoffnung, notiere die Nummer, Bund für Vogelschutz - sowas gibt es hier also - na die müssten mir wohl weiterhelfen können. Ich rufe gleich an - "Bund für Vogelschutz - Büro - Montags bis Freitags - 15 Uhr bis 17 Uhr - sprechen Sie nach dem Piepton! -"
Mist, knapp verfehlt.
Wieder eine unruhige Nacht und ein Tag in der Schule.
Aber dann, 15 Uhr "Bund für Vogelschutz, guten Tag..." "Guten Tag, ich habe da mal eine Frage. Bei mir auf dem Nachbarbalkon....." "Am besten Sie fangen die Mutter, nehmen die Küken und bringen alles zum nächsten See und setzen sie dort aus - ohne die Mutter geht nichts! Aber ich kann ja mal in einem Buch nachschlagen, warten Sie mal, Aufzucht von Jungvögeln, E... Ente, hier stehts: Füttern mit Magerquark und hartem Eigelb unter Zusatz von Vitaminpräparaten und ggf. Haferflocken mittels einer Einwegspritze in den geöffneten Schnabel alle zwei Stunden rund um die Uhr."
Meine Hoffnung sank urplötzlich wieder fast auf den Nullpunkt und ich wollte auch gar nicht mehr so genau wissen, ob und wie man denn nun Haferflocken durch die Einwegspritze...
"Rufen Sie doch einfach mal den Berliner Tierfänger an, ich gebe Ihnen mal die Nummer..."
Ich rief auch da gleich an - niemand meldete sich.
Noch eine Nacht mit Untätigkeit und zunehmend schlechtem Gewissen.

Am nächsten Vormittag hatte ich ihn dann am Schultelefon. "Auf meinem Nachbar .... .."
"Ach Herrje! Na viel Spaß, da müssen Sie die Alte fangen, aber vorsichtig, die sind sehr scheu, und immer erst die Flügel zu fassen kriegen, sonst fliegt sie weg. Wir haben jedes Jahr die gleiche Geschichte unten in Zehlendorf, da brütet immer eine Ente in einer Astgabel in zehn Metern Höhe. Und wenn es dann soweit ist, schichten wir einen Grashaufen unter dem Baum auf. Die Alte ruft dann irgendwann und die Kleinen plumpsen nacheinander in das weiche Gras. Wir sperren dann alle Straßen ab und die Mutter wandert dann mit ihren Kindern zum Schlachtensee. Ich bin für ganz Berlin zuständig und komme heute hier nicht weg, aber falls Sie die Ente nicht fangen können, rufen Sie doch einen Funkwagen, die bringen die Küken dann zum Tierheim Lankwitz. Was die dort mit denen machen, weiß ich allerdings auch nicht so genau."
Rosige Aussichten, was sollte ich nun machen!

Die Vorstellung, ich würde versuchen, die Ente zu fangen machte mich noch nervöser und unsicherer, vielleicht verschlimmerte ich dadurch noch die ganze Situation, die Mutter könnte mir entwischen und die Kleinen wären endgültig verwaist und dann wäre ICH ja auch der wirklich Schuldige und wie sollte ich überhaupt durch die Nachbarwohnungen zu dem Nest kommen, vorbei an Nachbarn, die mich überhaupt nicht kannten und die wahrscheinlich sowieso nicht zuhause waren. Bequemlichkeit. Wenn es darauf ankommt die Augen schließen. Aber ich konnte nicht mehr zurück, ich mußte auch immer häufiger an die Schnäbelchen denken...
Die ganzen letzten Wochen konnten doch nicht in einem schuldbeladenen Fiasko enden - ICH musste etwas tun! Vermutlich hatte ich in den unruhigen Träumen der letzten Tage schon öfter alle Handgriffe mehrmals geübt - ich wusste genau was ich tun musste und schließlich hatte ich früher oft genug Kreuzottern in der Lüneburger Heide gefangen und die Ringelnattern im Spandauer Forst und die Zauneidechsen am Teufelsberg durch Anschleichen und blitzschnelles Zufassen überrascht!

An die Mutter heranzukommen und sie zu fangen, schien mir das eigentliche Problem zu sein, zumal der Zugang durch eine der beiden Nachbarküchen noch nicht geklärt war. Aber mit der Ente in der Hand konnte ich schlecht die Küken in einen Karton setzen und dann mit der ganzen Familie zum Lietzensee laufen.
Hilfe mußte her, da fiel mir sofort ein Mieter im Parterre ein; der schien ganz nett zu sein und war für eine derartige Safari bestimmt zu gewinnen.
Ich fuhr mit einigen Adrenalinausschüttungen nach Hause und klingelte gleich bei ihm. Sein Hund war da, er aber offenbar nicht. Also warten, bis er Feierabend hat.
Wenn bis heute nichts tragisches passiert ist, wird die Entenmutter ja gefälligst noch den Nachmittag abwarten können, beschwichtigte ich mich auf dem Weg zum Küchenfenster.

Die Enten waren nicht mehr da !
Entsetzen! - ich riss das Küchenfenster auf und sah schon mehrere kleine tote Entenkörper unten auf dem Beton - nichts.
Nichts zu sehen oder zu hören, die Nestmulde sah so aus, als sei nichts Außergewöhnliches vorgefallen, als ob die Ente wieder Mal zum Lietzensee geflogen war - aber wo waren die Kinder!?
Sie konnten nicht fliegen und wenn sie nicht im Hof waren, wo dann?
Die Nachbarn sind einen Tag schneller gewesen als ich - kam mir plötzlich als einzig vorstellbare Lösung des Problems in den Sinn - na klar, nicht nur ich hatte das Problem gehabt - ich war richtig stolz auf die unbekannten Bewohner der Nachbarküchen.
Da haben die wahrscheinlich, während ich in der Schule war, mit vereinten Kräften die komplette Entenfamilie - ein bisschen Enttäuschung kam hoch - ich hatte mich doch inzwischen durchgerungen - ich hätte doch gerne für mich dieses Erfolgserlebnis - egal, Schwamm drüber - die Geschichte ist doch noch gut ausgegangen und ich hatte ein ruhiges Gewissen, obwohl ich beim Ende der Geschichte der Entenfamilie gerne dabei gewesen wäre.
Ich setzte mich zufrieden an den Computer...

Ich spürte aber bald eine hochkommende Unruhe, die ich mir zunächst nicht erklären konnte - vielleicht waren es ja die aufregenden letzten Tage, die mich abgelenkt auf der Tastatur herumklappern ließen, vielleicht verschwand die Anspannung nur sehr langsam - ich ahnte irgendwas - etwas stimmte nicht!
Die üblichen Singvogel- und Taubenstimmen vom Hinterhof her durch das Küchenfenster konnten mich doch nach zehn Jahren nicht mehr so besonders aufmerksam zuhören lassen - da war es! - eine Ahnung war plötzlich da wie ein sechster Sinn und ich rannte zum Küchenfenster und hörte schon diese unbekannten Vogelstimmen zwischen den anderen, riss das Fenster auf und das Drama des vergangenen Vormittags lief überdeutlich sozusagen in meiner Erinnerung als Rückblick ab:
Die Ente hatte ihre Kinder gerufen und die Küken haben alle gehorcht - und haben es tatsächlich überlebt!
Im Erdgeschoß der gegenüberliegenden Häuserrückwand ist ein Teppichgeschäft und zwei Männer dieses Ladens waren offensichtlich damit beschäftigt, irgendetwas in der Kraut- und Strauchschicht des Hinterhofes zu fangen und in einen großen Bastkorb zu setzen.
In Windeseile rannte ich hinunter in den Hof und da sah ich auch schon einen winzigen toten Entenkörper liegen. Fünf Meter vom Haus entfernt auf dem umgegrabenen Erdboden neben den Betonwegen.
Traurigkeit, Wut, Enttäuschung während ich vom Nachbargrundstück aufgeregte Stimmen hörte "Hier läuft noch eine..." Und viele Rufe von aufgeregten Entenkükenstimmen, die wohl ihre Mutter suchten.
Ich ging hinüber.
Acht (!) Kinder hatten den Sprung offensichtlich völlig unbeschadet überstanden, sie wuselten alle auf dem Boden des Bastkorbs durcheinander und machten eigentlich einen für meine Begriffe guten und auch beruhigten Eindruck.
Ich nahm eins vorsichtig in die Hand und kapierte langsam, wieso sie den Fall aus einer derartigen Höhe überleben konnten:
Sie waren wesentlich kleiner als ich gedacht hatte und sie wogen fast nichts.

Später habe ich öfter mal in Naturdokumentationen kleine Seevögel die Klippen hinunter segeln gesehen. Durch sehr schnelles Flügelchenschlagen und ihr geringes Gewicht, segeln sie ziemlich sicher zu Boden wie ein leichtes Herbstblatt im Wind.

Was nun?
Die Mutter hatte wohl einen Ausgang aus dem Hinterhof gesucht und nicht gefunden - daraufhin hat sie die Kleinen aufgegeben und ist weggeflogen.
Der Besitzer des Teppichladens war verblüffenderweise optimistisch - er hätte einen Gartenteich und würde die Entchen dort aussetzen, der Rest würde sich schon von selbst ergeben.
Ich war nach den Telefonaten der letzten Tage weniger euphorisch und erzählte ihm von den Haferflocken und den Einwegspritzen und davon, dass die Entenmütter ihren Kindern bestimmte überlebensnotwendige Verhaltensweisen vormachen müssen.
Ratlosigkeit.
Ich telefonierte nochmal mit dem Tierfänger, die Entchen standen währenddessen mit ihrem Bastkorb im Hinterhof und piepten vor sich hin - vielleicht würde die Mutter ja doch noch mal zurückkommen und wir könnten sie dann fangen...
"Bringen Sie doch die Küken einfach zum nächsten Gewässer - vielleicht findet sich ja eine Ente, die sich ihrer annimmt."
Ich stand grübelnd am Küchenfenster und hörte die Entenstimmen aus dem Korb.
Dann sah ich die Elstern oben auf den Dächern - sie hatten die Entenküken natürlich auch gehört und lauerten.
Von selbst würde sich wohl nichts Sinnvolles ereignen, es sollte an mir hängenbleiben.
Ich holte mir moralische Unterstützung bei dem Mieter im Parterre, holte den Entenkorb ab und ging mit dem Korb und dem Mieter und seinem Hund zum Lietzensee - die Entenküken fühlten sich geborgen und waren still.
Ich hatte mehrere Empfindungen zur gleichen Zeit - einerseits war ich plötzlich Vater von acht Entenkindern mit sämtlichen Verantwortungen, andererseits hatte ich natürlich noch nie vorher diese vertrauensvolle Ruhe und, wie es mir vorkam, diese angstfreie Zuneigung von Wildvögeln kennengelernt, was meine Sorge um den weiteren Verlauf der ganzen Geschichte sicherlich nicht verringerte.
Wie konnte ich annehmen, dass der Lietzensee das Problem lösen würde!

Wir nahmen uns erst die linke Seite der Neuen Kantstraße mit der dortigen Hälfte des Sees vor und ich trug den Korb hinunter - nichts - keine Ente weit und breit, obwohl es doch sonst auf dieser Seite genug Enten gibt!
Also hinüber auf die Nordseite - ich wurde immer unsicherer - wenn nun niemand von den weiblichen Enten meine Küken haben will - können sie überhaupt schon schwimmen - und wenn, ich kann sie ja auf dem See nicht wieder einfangen, falls etwas mit dem Aussetzen nicht klappen sollte....
Ich hatte also nur einen einzigen Versuch!
Da waren vier Enten, zwei davon Weibchen und sie hatten die übliche Brotfütterungsentfernung vom Ufer.
Ich setzte den Bastkorb sehr unschlüssig auf den Wiesenboden - sollte ich oder sollte ich nicht - aber welche Alternativen blieben denn noch übrig!
Ich dachte dann wohl, ich könnte ja mal die beiden Entenweibchen mit einem Küken antesten und nahm eins in die Hand.
Es flatterte aufgeregt umher, fiel mir fast aus der Hand und ich setzte es behutsam neben den Korb in das Gras.
Und plötzlich rannte es wackelnd mit einer unerwarteten Geschwindigkeit GENAU IN DIE FALSCHE RICHTUNG vom Seeufer weg in Richtung der Wiese hinter mir, auf der mehrere Passanten ihre Hunde spielen ließen!
Das fehlte nun noch - ich rannte gebückt hinterher und scheuchte und wedelte mit den Händen dicht über dem Boden, wie früher, wenn die Hühner abends in den Stall sollten - und die winzige Ente kapierte das wohl, jedenfalls machte sie eine Kurve und rannte auf das Wasser zu - und plumps - sie war verschwunden - untergegangen - das durfte einfach nicht wahr sein - da war sie wieder und paddelte zielgerichtet auf eins der Weibchen zu.
Man kennt ja mindestens wegen der Kopfbefiederung keine deutlichen mimischen Reaktionen bei Vögeln, aber ich war mir ziemlich sicher, dass das Entenweibchen unter ihren Federn die Stirn gerunzelt hat!
Sie starrte bewegungslos auf das näherkommende Entenküken, während sich die drei anderen Enten ziemlich desinteressiert zeigten.
Sie ließ sich von meinem Entenkind beschnuppern, begrüßen offenbar und umschwimmen, ohne sich zu entfernen.
Das war DIE Gelegenheit, ich setze die Kinder in das Gras und sie beeilten sich alle ins Wasser zu kommen, plumpsten unter die Oberfläche, kamen wieder hoch wie kleine, luftgefüllte Bällchen und schwammen zielstrebig auf besagte Entenmutter zu. Ich glaube ja nicht, dass Enten unter ihrem Gefieder ins Schwitzen kommen können und ich weiß natürlich nicht, ob meine Interpretationen nicht jedem Biologen den Magen umdrehen müssten, aber die Ente saß da, als ob sie vom Donnerschlag getroffen worden war.
Die Küken gingen mit ihr um, als sei sie ihre rechtmäßige Mutter und umschwammen und schnäbelten leise Töne vor sich hin - die Ente machte insgesamt einen völlig entgeisterten Eindruck, sie saß ungewöhnlich starr da, zuckte dabei aber in schneller Folge ruckartig mit dem Kopf nach links und rechts und wieder zurück (etwa wie wir immer an einem Wandertag die rechte Hand bewegen, um die ankommenden Schüler durchzuzählen) - die ganze Situation war geprägt von Ratlosigkeit und vielen offenen Fragen - wie nach einer Jungfernzeugung vermutlich - aber sie ließ die Kleinen widerstandslos machen!

Übrigens nicht alle acht.

Eins der Küken hatte sich die andere "Mutter" ausgesucht und näherte sich ihr neugierig.
Diese Ente reagierte daraufhin völlig anders als die erste: in panischem Entsetzen drehte sie sich um und flüchtete mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung auf die Seemitte, das Küken mit erstaunlichem Tempo wie ein kleiner Propeller immer im gleichen Abstand hinterher!

Sieben waren jetzt noch übrig und die Adoptivmutter hatte sich wohl mit ihrem Schicksal abgefunden - sie begann mit der Erziehungsarbeit, schnäbelte im Wasser und alle Kinder machten es ihr SOFORT nach.
Sie zupfte und knabberte an den Uferpflanzen herum und kämmte mit dem Schnabel durch das Rückengefieder und die Kleinen zupften und knabberten an den Uferpflanzen herum und kämmten mit den Schnäbeln durch den Federflaum auf dem Rücken.
Dann gab die Alte ein mir unverständliches Kommando und alle sieben schwammen ordentlich in Reihe hinter ihr her, während sie sich ständig umsah, um zu überprüfen, dass auch ja keine aus der Reihe zu tanzen wagte!

Ich blieb noch weit über eine Stunde am Seeufer und begleitete meine Familie und hoffte natürlich, dass das Küken Nummer acht noch rechtzeitig den Anschluss finden würde.
Dann ging ich langsam mit dem leeren Bastkorb und mit einem überwältigenden Gefühl der Erleichterung und der Zufriedenheit weg, obwohl ich gerne noch die Blicke des Erpels gesehen hätte, wie er plötzlich von seiner Ente mit sieben Kindern konfrontiert wurde.

Platz für Kommentare